Frauenklischees – Eine Frauenpsychotherapiestunde

Frau F. ist Ende Zwanzig, Unidozentin, immer in die falsche Frau verliebt. Sie hat die Diagnose ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätsyndrom) neu bekommen und sich noch nicht damit angefreundet. Das ist öfters der Fall, wenn jemand die Schwierigkeiten der obligatorischen Schule hinter sich und trotz der Symptome sich im Leben durchgeschlagen hat. Manchmal kann man einfach nicht daran glauben, dass es ein Störungsbild gibt, das das Ganze nachvollzieht. 
Die Diagnose roch ich schon nach fünf Minuten, als die junge Dame wie ein Maschinengewehr zu sprechen anfing: Sie sei zwar zur Psychotherapie gekommen, sei aber nicht 100% damit einverstanden, die Chefin habe so insistiert. 
Frau F. hatte die klassische Biographie eines ADSlers mit schlechten Lehrerinnen trotz guter Noten, viele Schulwechsel, Bagatellunfälle und Bullying hinter sich. 
Ihr erster Auftrag, die Schlafstörungen zu beseitigen, brachte neben der überflüssigen Polysomnographie neuropsychologische Abklärungen, die die Diagnose bestätigten. 
Die Einsicht in die eigenen Symptome lässt jedoch auf sich warten: 
– Ich verliere meine Sachen nicht, ich finde sie wieder! Ich bin gar nicht hyperaktiv! Ich kann die ganze Nacht vor dem PC hocken und arbeiten!rief sie, schlug sich auf den Oberschenkel und kippte alles, was auf dem Tischlein zwischen uns war, um… – und was heisst das: „Defizit der exekutiven Funktionen“, ist es schlimm?heulte sie…
– Ich fürchte, erwiderte ich mit gespielter Langsamkeit und einem eindringlichen Blick – dass Sie ohne ADHS schon Professorin wären.
– Oh, mir ist das egal, ich habe die Stelle sowieso zufällig bekommen, ich bin keine spezielle Doktorandin gewesen…
– Nur eine der Besten.
– …Na ja, vielleicht, vielleicht habe ich nur einen guten Draht zu meiner Chefin…
– Auch ein niedriges Selbstwertgefühl gehört dazu, es ist nicht spezifisch,denke ich laut… 
Wir einigten uns vor drei Monaten auf eine Psychoedukation, auf Zeitmanagement fokussiert. 
Seitdem kommt Frau F., offiziell nur, um ihr Leben besser in den Griff zu bekommen, und bewahrt die Rezepte sorgfältig in ihrer Schublade, bis vor den Prüfungen, die sie selber vorbereiten und schnell korrigieren muss. 
– Ich musste an Sie denken und daran, was Sie bei der letzten Sitzung sagten, fing sie heute an.
– Das freut mich, sage ich, nicke einladend, froh einen Grund zu haben, ein Auge in die Krankengeschichte zu werfen, und denke: Oh Gott, was habe ich ihr gesagt?Zum Glück kommt die Klientin mir entgegen.
– Apropos sich verlieren und sich wieder finden… Mir ist gelungen „Helga is bag“ zu sehen!
Mir leider nicht, es war ausverkauft,denke ich mir voller Neid und lächle weiter.
– Es war ein richtiges Abenteuer, aber…
– Ich höre…
– Das Stück ist uns, also mir und meiner aargauischen Kollegin, wärmstens von einer Baslerin empfohlen worden.
– Die Baslerin, mit der Sie Schluss gemacht haben?
– Ja, aber via Mail geht es noch!
– OK! Die Aargauerin ist also extra nach Zürich… 
– …. für anderthalb Tagen gefahren,fiel die Patientin mir ins Wort.
– Schön! Hoffentlich hinterlässt sie keinen grossen Verletzungen wie ihre Vorgängerin…
– Die Baslerin hatte mir den Weg zum Mayers Theater genau beschrieben und die Verpflegungsmöglichkeiten aufgelistet. Also, wirklich, wir hatten die Qual der Wahl. Wir hatten genügend Zeit für Apero, Snack, Dessert und Drink. Sie wissen schon, die Temperaturen sind nicht gerade einladend zu langen Spaziergänge, wir hatten so viel zu erzählen,,,
– Ihre Doktorarbeit wird publiziert…
– Woher wissen Sie, dass die Aargauerin eine meiner Lektorinnen ist? 
Professioneller Instinkt.
– Den Weg hatte die Baslerin uns klar beschrieben.
– Ah, ja, die Baslerin, also die vorletzte grosse Liebe denke ich mir.
Ja, also auf „Die Veranda“ in der Nähe vom *Platz.
Dort, wohin ich auch immer gehen wollte, denke ich mir.– Ich weiss, wo,erwidere ich einladend.
– Also, wir fingen mit Crèpe und einem Glas Wein an, danach Bier und Wurst und ich weiss nicht mehr, was noch. Die Zeit verging im Nu, wir haben über alles Mögliche geplaudert… 
Ich nicke, völlig dabei, sehe Frau F. am Tresen mit der Kollegin, den Rest der Welt gibt es nicht mehr. Sie hat sich wieder verliebt, hoffentlich wird ihr Gefühl ein wenig erwidert! Hoffentlich macht sie keine Schulden, um sie zu erobern! 
– Ich hatte den Wecker gestellt, wie Sie vorgeschlagen hatten, wir wollten frühzeitig eintreffen und die Theateratmosphäre geniessen…die Meier’s Bar war gerade vor uns… leer! Uns wurde sofort klar, dass etwas nicht stimmte! – Das Theater Mayers ist am Albisriederplatz,sagte der Barmann nach dem Ton: jedes Kind weiß es! Und schaute uns an, als hätten wir schon zu viel getrunken…
– Oh je!… 
– Ich weiss nicht, ob Sie sich auskennen, ich jedenfalls kenne nicht alle Ecken von Zürich! Der Barmann begnadigte uns noch mit „ Das Theater ist zwei Tramhaltestellen weiter“. Wie fliehen an Bord des Trams weg und in zwei Minuten sind wir…
In die falsche Richtung gefahren!denke ich mir bevor sie hinzufügt:
– In die falsche Richtung gefahren! 
– Oh nein! 
– Die Aargauerin schaut mich mit einem vorwurfsvollen Blick an und sprach den Satz, den der Barmann mir erspart hatte: aber du als Zürcherin, weiss du nicht, wo Albisriederplatz ist? 
Auch ich erkenne den Ort erst, wenn ich schon da bin!denke ich,nicke und mache eine verständnisvolle Miene. 
– Als wir am Albisriederplatz sind, sind es fünf Minuten vor der Aufführung. Verzweifelt schauen wir uns um… wir fragen Passanten, zuerst zusammen, dann einzeln. 
– Mmm,nicke ich aufmerksam.
– Keine Chance! Es sind alles Touristen, diejenigen, die wir fragen! I am not from here, lautet die Standardantwort. 
– Oh je! 
– Wegen der Eile sind wir telegraphisch geworden und rufen „Mayers Theater?“ vor uns hin. Ein kleiner Kickboarder schaut uns an, als erinnere er sich, er habe seine tägliche Wohltat noch nicht absolviert. Er gleitet federleicht von seinem Kickboard und lächelt uns voller Mitleid an: ich weiss nicht, wo das Theater ist, aber mein Iphone vielleicht! Dank des Iphones kommen wir „just in time!“ 
Die Freundin flötet im Weitereilen: genau dasselbe Telefon wie meines! – Telefon? rief der Junge, um uns herum kickboardend, angewidert, und dass man das Iphone „Telefon“ nennt…
Ich lächle wegen des Happy Ends und frage unvermittelt: 
– Haben Siees ihr geschenkt?
– Halb,gesteht Frau F. und senkt den Blick. – Ist es schlimm?fragt sie
– Was meinen Sie?erwidere ich, bewusst, dass meine kleine therapeutische Frage ein Versuch war, das Thema „Umgang mit dem Geld bei ADS“ zu ergreifen. 
– Dass ich immer hetzen muss, ich bin immer im Verzug oder in Verspätung, so wie auf dem Ratgeber, den Sie mir gegeben haben, beschrieben… ich verwechsele die Sachen, ich habe kaum Zeitwahrnehmung und bestimmt keinen Richtungssinn…
– Und dazu sind Sie Blondine! Ist die Kollegin auch blond?
– Ich verstehe nicht…
– Frauenklischees! Was Sie mir erzählt haben, ist eine Geschichte voller Frauenklischees, das hat nichts mit ADHS zu tun…
– Aha! Frau F. scheint erleichtert, jedoch noch nicht überzeugt.
– Sie haben Ihr Ziel erreicht, das ist, was zählt, und Sie scheinen eine Menge Spass dabei gehabt zu haben.
– O yes, ruft Frau F. mit verträumten Augen, nicht ohne, aber…
– …mit ein wenig Abenteuer und ein wenig Pech, dass fehlt nie, wenn man in Eile ist…
Frau F. scheint mit der Relativierung zufrieden. 
– Jetzt, erzählen Sie mir bitte ein wenig vom Theaterstück… bevor wir zu Ihrem Wochenplan übergehen. 
Diese Geschichte ist aus reiner Phantasie entstanden. 

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