Luxusauto

-Mamma, wer sind die zwei Mädchen auf
dem verblassten Foto? Fragte mich mein Sohn.
-Die zwei auf der sepia-farbenen Vespa?
Rate mal!
– Was meinst du, Mamma, mit sepia-farbenen
Vespa? Mir scheint die Vespa einfach uralt, zum Verschrotten parat. Kommt die
komische Farbe nicht einfach durch das Alter des Bildes?
-Hatten sie damals die Vespa mit dem
Tintenfisch gestrichen, den Opa am Hafen gefischt hatte? mischte sich meine
Tochter ein.
-Also, schaut beide genau an, wem
gehören die zwei Köpfe, die aus dem alten Rucksack hervorgucken?
-Also dies bist du, Mamma, das ist
klar, das andere schöne, blonde Mädchen kenne ich nicht!
– Wir meinen, du warst auch schön,
Mamma, aber keiner in unsere Familie ist blond, oder?
-Doch! das andere Mädchen ist eure Tante
Elisa. Sie erwähnt immer wieder, dass sie nach Shirley Temple, Elisabeth Ricciolidoro,
also Goldlocke, genannt wurde…
-Was für einen Blödsinn! Warum wurde
sie denn nicht Shirley genannt?
-Sie ist nach eurer Oma genannt worden…Die
armen Mädchen im Sack zusammengepfercht! kommentierte jeden Tag irgendeine Klatschtante.
Mein Vater, euer leibliche Opa ist am Steuer…
-Der, wie wir der Tante Rosa, nie
kennen gelernt hat?
-Erkennt ihr ihn? Er streckte den
alten Ziegen die Zunge heraus und drehte dabei den Kopf von links nach rechts,
so dass Tante Elisa als auch ich die Grimasse erblicken konnten und wir den
ersten Lachanfall des Tages erlebten. Sie weiss es heute nicht mehr, ich habe
es ihr erzählt, als wir das Foto gefunden haben! Fast haben wir es zerrissen!
Jede wollte das Bild für sich, wir haben so wenige Fotos von eurem Großvater.
– Man sieht hier nur den Nacken, eigentlich…
-So fingen meine Tage ein Jahr lang an:
mit meiner jüngeren Schwester in einem alten Rucksack ineinander verschlungen,
auf dem Rücksitz der alten Vespa meines Opas, die zum ersten Auto meines Vaters
befördert wurde. Nach einer Viertelstunde abenteuerlicher Fahrt, bei Oma angelangt,
verliessen Tante Elisa und ich immer noch lachend den warmen Rücksack, in den
nun, zusammengeschrumpft, das Mittagessen von Papi eingepackt wurde. Es blieb
den ganzen Tag warm! erzählte Papà. Wir rannten direkt in Omas duftendes Haus,
so dass es keinen Abschied gab. Es war öfters eine Trennung bis zum folgenden
Tag. Der Opa brachte uns abends wieder zur unserer Mami, Oma Rosa, die damals mit
Tante Cicci schwanger war! Dies sind meine letzte Erinnerungen an meinen Vater:
sein Hinterkopf, mit dem er uns immer wieder anstiess, mich jedoch mehr, da ich
die grössere war! Alles in Ordnung? schrie er jeweils.
Supermega! riefen wir im Chor zurück,
unser damaliges Lieblingswort.
Dann plötzlich Ende, Schluss. Mit Papà
und mit der Kindheit.
Die grosse Sehnsucht nach einem
Abschiedskuss ist mir geblieben, da Papà öfters erst nach Hause zurückkehrte,
als wir schon im Bett lagen.
-Deswegen wartest du immer mit vorgestrecktem
Hals auf unsere Küsse, Mamma!
-Diese Fahrten in Tante Elisas Armen,
der Speichel aus ihrem stotternden Mund in meinem Gesicht, ihr wärmender Atem,
der frische Wind durch die Haare. In den Ohren unser Lachen samt Papàs
übertriebenem Hupen, die unnötigen Schikane im Verkehr, um uns zu unterhalten:
Angst gehabt? Mach es wieder! Schneller !

Tja, die alten Klatschtanten hatten
Mitleid mit uns und jede wusste es besser! Diese Fahrten auf dem sepia
Luxusauto sind meine schönsten Erinnerungen!

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